Jähzorn: Ich bin Choleriker! Was kann ich dagegen tun?

Jähzorn des Cholerikers

Jähzorn ist keine Seltenheit. „Etwa jeder vierte Erwachsene hat ein Jähzorn-Problem“, sagt der Psychologe Theodor Itten aus St. Gallen. In seiner Praxis in St. Gallen hat er unzählige Opfer von Jähzornigen und Choleriker selbst therapiert.

Die ständigen Wutausbrüche der Choleriker können beruflich wie privat zur Belastung werden. Sie vergiften das Betriebsklima oder die Partnerschaft. Über den Umgang mit Cholerikern haben wir bereits berichtet. Hier geht es um den Choleriker selbst und darum, was er tun kann, um weniger jähzornig zu sein.

Jähzorn ist ein zerstörerisches Gefühl

Wenn Choleriker sich aufregen, haben sie ihre Gefühle nicht unter Kontrolle. Sie rasten regelrecht aus. Dazu gehört, dass sie laut und beleidigend, ja teilweise sogar gewalttätig werden.

Jäher Zorn schadet dem Umfeld

Gerade jähzornige Eltern oder Führungskräfte richten immensen Schaden an. Denn ihre schutz-befohlenen Kinder oder Mitarbeiter reagieren verstört auf die Wutausbrüche. Ja, schlimmer noch, sie suchen im Zweifel den Fehler bei sich selbst und werden so zusehends handlungsunfähig.

Zorn betrifft nicht nur Männer

Ein prominentes Beispiel ist der Fußballspieler, Zinédine Zidane. Im Finale der Fußball-WM 2006 köpft er vor den Augen von Milliarden von Zuschauern einen italienischen Gegenspieler zu Boden, der ihn provoziert hatte.

Aus jahrelanger Erfahrung weiß Theodor Itten, dass Choleriker längst nicht immer männlich sind. Auch viele Frauen seien durchaus jähzornig.

Allerdings gäbe es geschlechterspezifische Unterschiede. Männer würden entweder brüllen oder sie würden gewalttätig werden. Frauen hingegen würden in einem Wutanfall oft gleichzeitig beides tun: Sie würden laut und schmissen mit Gegenständen.

Auch Frauen können jähzornig sein

Ein prominentes weibliches Beispiel für Jähzorn ist das Model Naomi Campbell. Sie rastete 2008 am Londoner Flughafen Heathrow aus, als ihre Koffer verschwunden waren. Sie trat und bespuckte zwei Polizisten, die ihren Wutausbruch bändigen wollten.

Theodor Itten kennt zahlreiche Beispiele aus seiner jahrelangen Praxis als Therapeut. In seinem Buch „Jähzorn: Psychotherapeutische Antworten auf ein unberechenbares Gefühl“ beschreibt er, woher der Jähzorn kommt, wie er sich zeigt und vor allem, was man dagegen tun kann.

Gründe für cholerischen Jähzorn

„Jähzorn hat mit dem Tier in uns zu tun“, sagt Itten. Es handelt sich um ein unkontrollierbares und zerstörerisches Gefühl. Dieses Gefühl tritt dann auf, wenn Menschen sich bedroht fühlen.

Früher im Reich der Tiere war eine solche Reaktion sicher hilfreich, um einem angreifenden Tier zu entkommen. Heute hingegen richtet diese unkontrollierte Reaktion mehr Schaden als Nutzen an.

Anlässe für Wutausbrüche

Die Anlässe für Jähzorn-Attacken können oft Lappalien sein: die wiederholte Frage, ob man noch etwas essen möchte, ein als nervig empfundenes Geräusch oder jemand versteht eine Erklärung nicht gleich auf Anhieb.

Jähzorn ist ein Gefühl der Ohnmacht

„Jähzornige reagieren wie kleine Kinder“, sagt Itten. „Oft reicht es, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse übergangen werden, schon rasten sie aus.“

Es ist also keine Böswilligkeit, weshalb Choleriker aus der Haut fahren. Vielmehr ist es ein Gefühl der Betroffenheit. Der Choleriker fühlt sich zu Unrecht behandelt. Er fühlt sich nicht gesehen oder nicht zugehörig.

Ein jähzorniger Wutausbruch verschafft kurzfristig ein Gefühl der Erleichterung. Wut, die sich aufgestaut hat, kann entweichen. Allerdings ist diese Erleichterung nicht von Dauer.

Denn sobald der Wutausbruch vorüber ist, stellen sich Schamgefühl und Reue ein. Schließlich merkt der Jähzornige meist, dass er seine Mitmenschen verschreckt oder eingeschüchtert hat. Er spürt, dass er mit seiner Art aneckt. Und das wiederum trägt dazu bei, dass er sich nicht akzeptiert fühlt. Er hat den Eindruck nicht wirklich zur Gruppe der Kollegen, Freunde oder Familie dazu zu gehören.

Choleriker haben ein geringes Selbstwertgefühl

„Meist handelt es sich bei Cholerikern um Personen mit schwachem Selbstwertgefühl“, sagt Itten. „Sie suchen ständig nach jemandem, den sie für ihre Situation verantwortlich machen können. Doch letztlich funktioniere diese Methode nicht: Jemandem die Schuld zuzuschieben, löst keine Lebensschwierigkeiten auf.“

Wie man Jähzorn bezwingen kann

Jähzorn ist ein erlerntes Verhalten

Interessanterweise sind Choleriker laut Itten häufig Menschen, die in Ihrer Kindheit selbst unter einer jähzornigen Bezugsperson gelitten haben. Itten erklärt das so: „Kindern, die Opfer von Jähzorn werden, fällt es oft sehr schwer, Wut und negative Gefühle auszudrücken. Sie versuchen, ihre Emotionen aus Angst unter Kontrolle zu halten. Und sehr oft ist es Jähzorn, in dem sich die aufgestauten Emotionen später entladen.“

Die gute Nachricht ist, dass ein erlerntes Verhalten durchaus aktiv wieder verlernt werden kann. Dazu braucht es drei Voraussetzungen:

  1. Der Choleriker muss sich seines Verhaltens bewusst sein.
  2. Er muss an seinem Jähzorn arbeiten wollen
  3. Er muss verstehen, dass es in seiner eigenen Verantwortung liegt, an der Situation etwas zu ändern.

Eigenverantwortung trainieren

Das Thema Eigenverantwortung ist ebenso wichtig wie herausfordernd für den Choleriker. Denn dafür muss er sein typisches Denkmuster „andere sind schuld“ durchbrechen. Er muss sich klar werden, dass es nicht am Verhalten der anderen liegt, sondern an seiner inneren Einstellung.

Dinge oder Menschen können dich nicht aufregen.
Du kannst lediglich zulassen, dass du dich über etwas aufregst.

5 Schritte Jähzorn zu bezähmen

1. Jähzorn-Tagebuch führen

Choleriker sind sich oftmals gar nicht bewusst, wann es zu den unkontrollierten Wutausbrüchen kommt. Deshalb ist es sinnvoll ein Jähzorn-Tagebuch zu schreiben. Darin sollten folgende Dinge notiert werden:

  • In welcher Situation kam es zum Wutausbruch?
  • Wer war beteiligt?
  • Was war der Auslöser? (Hat jemand etwas Bestimmtes gesagt? Sich merkwürdig verhalten? Hat etwas nicht wie erwartet geklappt? usw.)
  • Was hast der Choleriker gesagt oder getan und was die anderen?
  • Welche Begebenheit aus der Vergangenheit könnte damit in Zusammenhang stehen? (Gibt es bestimmte Sorgen, Ängste oder Kränkungen, die durch den Auslöser wieder hervorgerufen wurden?)
  • Was kann ich daraus lernen?

Durch dieses Jähzorn-Tagebuch bekommt der Choleriker ein Gefühl dafür, in welchen Situationen die Emotionen mit ihm durchgehen. Damit ist er in der Lage, proaktiv zu reagieren, statt hinterher Flurbereinigung machen zu müssen.

2. Umfeld einbeziehen

Folglich hilft es, wenn er möglichst offen mit dem Thema umgeht. So sollte er andere Menschen darauf hinweisen, dass er zu Jähzorn neigt und daran arbeitet. Damit erhält er zum einen mehr Verständnis und zum anderen gegebenenfalls auch Unterstützung dabei.

3. Zeichen vereinbaren

Eine weitere Möglichkeit wäre auch, ein Zeichen oder ein Codewort einzuführen. Das wendet der Choleriker immer dann an, wenn er merkt, dass sich ein Wutanfall anbahnt. So kann er sein Umfeld vorwarnen. Außerdem kann er die Situation entschärfen. Indem er dann kurz den Raum verlässt oder einfach nur innehält, verfliegt der plötzliche anfallartige Zorn und weicht einer sachlicheren Argumentation.

4. Ausgleich schaffen

„Manchen Menschen gelingt es, vor ihrer Wut davonzulaufen“, sagt Theodor Itten. Und tatsächlich Sport gilt als erfolgreiches Mittel, um Aggressionen und Stress abzubauen. Außerdem stärkt Sport sowohl das Immunsystem als auch das Selbstbewusstsein. Ein fitter Körper fühlt sich einfach besser an.

5. Einstellung ändern

Die Kunst ist, die bisherige Einstellung zu bestimmten Situationen zu ändern. Also statt zu denken „Der will mich provozieren und ärgern“ könnte der Choleriker auch denken: „Ein getroffener Hund bellt. Offensichtlich stört ihn etwas, sonst würde er nicht so reagieren. Wie kann ich im helfen.“

Wenn es gelingt, mit dieser Einstellung an Problemsituationen heranzugehen, dann ist schon im Vorfeld eine Menge aufbrausender Energie genommen. Denn dann geht es nicht um Angriff und Gegenangriff. Vielmehr wird durch die zweite Einstellung der Boden für Verständnis und Hilfestellung bereitet.

Zufriedenheit ist ein Mindset

Das Ziel ist es, mehr mit sich und dem Umfeld im Lot zu sein. Dann nämlich stellt sich Zufriedenheit ein. Und die ist die Voraussetzung für ein glückliches Leben.

Schließlich gilt nicht nur für Choleriker, sondern für alle Menschen: Glück kann man erlernen. Denn Glück ist kein Zustand. Glück ist ein Mindset. Der Schlüssel zum Erfolg ist, dass wir an unserer Einstellung arbeiten. Wir können tatsächlich aktiv dazu beitragen, dass wir uns gut fühlen. Mehr dazu erfährst du in unserem Beitrag 7 Tipps für mehr Glück.

Diese fünf Schritte sind alles Dinge, die der Choleriker selbst in Abstimmung mit seinem Umfeld unternehmen kann. Sollte das nicht zum gewünschten Ziel führen, empfiehlt sich die Arbeit mit einem professionellen Coach oder Therapeuten.

FAZIT: Nicht nur das Umfeld des Cholerikers ist betroffen. Er selbst leidet ebenfalls unter seinem Jähzorn. Mit der richtigen Einstellung kann er daran arbeiten, die Wutausbrüche in den Griff zu bekommen und so den Jähzorn einzudämmen.


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👍 Und jetzt wünsche ich dir viel Erfolg beim Bezähmen deines Jähzorns!

About The Author

Dagmar Gerigk

Dagmar Gerigk ist Führungstrainer und Erfolgscoach aus der Praxis für die Praxis. Ihre Schwerpunkte sind Führungskompetenz, Kommunikation und Prozessoptimierung. Sie verfügt über mehr als 20 Jahre Führungserfahrung aus Konzernen, KMU und als Unternehmerin. Zusätzlich ist sie zertifizierter systemischer Coach und Buchautorin.